Krankheit - ein facettenreicher Begriff

Ausgabe: 2/2022

68. Jahrgang

Jahrgang: 2022

Inhalt: Ausgabe

"allerhandt sorten Armer, Krankher, vnd Schadhaffter Persohnen" - SozialeDynamikenhistorischer Krankheitsbegriffe

Dross, Fritz

Der Artikel befasst sich mit Krankheitsbegriffen in historischer Perspektive. Dabei soll gezeigt werden, dass jedes medizinische Krankheitskonzept in historisch spezifischer Form auf außermedizinischen Vorstellungen vom menschlichen Glück und Unglück beruht. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung konkreter Folgen von Krankheitsbegriffen. Die von Krankheitszuschreibungen ausgelösten gesellschaftlichen Interaktionen und deren soziale Dynamiken werden am Beispiel der 'lepra' aus der Perspektive einer Krankheitsbezeichnung im historischen Wandel sowie der stationären Krankenversorgung aus der Perspektive gesellschaftlicher Organisationsformen der Krankenfürsorge entwickelt.

Krankheit - ein schillernder Begriff

Lanzerath, Dirk

Obwohl die Begriffe 'gesund' und 'krank' in unserer Lebenspraxis ständig verwendet werden und für unser tägliches Handeln eine wesentliche Rolle spielen, stellen sie sich bei genauerem Hinsehen als semantisch höchst anspruchsvolle Begriffe dar. Doch wer kompetent ist, Auskunft über diese Begriffe, ihre Inhalte und ihre Praxisrelevanz zu geben, ist nicht einfach festzumachen. Zudem ist unklar, nach welchem Typ von Wissen hier gefragt wird, wenn Krankheits- und Gesundheitszustände beschrieben werden sollen. Welche Bedeutung kommt angesichts der Strukturveränderungen in der Medizin dem Krankheitsbegriff noch zu? Welche Rolle spielt hinsichtlich der neuen medizinischen Handlungsmöglichkeiten noch das Arzt-Patient-Verhältnis? Wird der Patient zum Kunden, die Vertraulichkeit zur Vertraglichkeit, die Medizin zur reinen Serviceleistung? Wie verändert sich hierdurch das menschliche Selbstverhältnis durch eine neue Form von funktionalistischer 'Anthropotechnik'?

Which criteria are (not) suitable for defining theconcept of disease?

Hofmann, Bjørn Morten

Die Art und Weise, wie wir Krankheit definieren, ist sowohl entscheidend für den Zugang vieler Menschen zur Versorgung wie auch für die Arbeit von Angehörigen der Gesundheitsberufe. Auf der Grundlage einer Analyse der Funktionen des Krankheitsbegriffs werden acht funktionale Kriterien für die Definition von Krankheit ausgearbeitet. Während die funktionsbasierten Kriterien eine Orientierung hinsichtlich des Inhalts der Definition von Krankheit bieten, werden vier formale Kriterien ergänzt, um diese Definition zu präzisieren und für die praktische Abgrenzung nutzbar zu machen. Die Kriterien können sowohl für die Bewertung bestehender Definitionen als auch für die Erstellung neuer Definitionen verwendet werden.

Versorgungsgerechtigkeit und Schadensvermeidung: Implikationen der Definition psychischer Krankheit

Heinz, A. • Müller, S. • Seitz, A.

Definitionen psychischer Krankheit werden unter dem Aspekt der Versorgungsgerechtigkeit einerseits und der Schadensvermeidung durch unangemessene Pathologisierung andererseits erörtert. Wir vergleichen dazu einen normativ aufgeladenen, weiten Störungsbegriff, wie er von der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft und dimensionalen Ansätzen verfolgt wird, mit einer traditionellen Psychiatriekritik und deren philosophisch-anthropologischen Grundannahmen. Vorgeschlagen wird ein enger Begriff psychischer Krankheit, der auf minimalen anthropologischen Grundannahmen beruht, dessen Ausarbeitung eines trialogischen Prozesses bedarf, in dem Betroffene, Angehörige und Professionelle auf Augenhöhe kommunizieren.

Wie verändern Selbstoptimierungstrend und Enhancement-Medizin das Verständnis von Gesundheit und Krankheit?

Fenner, Dagmar

Der Beitrag widmet sich den medizinischen Schlüsselbegriffen 'Krankheit' und 'Gesundheit', die als normative Konzepte aufgefasst werden. Er zeigt auf, wie der gesellschaftliche Trend zur Selbstoptimierung und zur Enhancement-Medizin das traditionelle Verständnis von 'Medizin', 'Krankheit' und 'Gesundheit' verändern. Zweifel an der Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Grenzziehung zwischen Krankheit und Gesundheit führen zu erheblichen normativ-ethischen Problemen wie Kommerzialisierung ärztlicher Tätigkeiten und gerechter Verteilung im Gesundheitswesen.

Digitale Zwillinge und Verschiebungen im Verhältnis von Gesundheit und Krankheit

Braun, Matthias

In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, welche Verschiebungen sich im Verhältnis von Gesundheit und Krankheit durch neue KI gestützte Prädiktionssysteme ergeben. Ein Beispiel für solche Prädiktionssysteme sind digitale Zwillinge. In einem ersten Schritt diskutiere ich mögliche grundsätzliche Bestimmungen des Verhältnisses von Gesundheit und Krankheit. In einem zweiten Schritt untersuche ich aus theologischer und philosophischer Perspektive, was es bedeutet, wenn ein digitaler Zwilling stellvertretend Krankheitszustände simuliert und vorhersagt. In einem abschließenden dritten Schritt spanne ich den Bogen zu den Debatten um eine Freiheit zur Krankheit und zeige auf, wie diese Debatten helfen können, einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Zwillingen zu denken.

Der Krankheitsbegriff und das Prinzip der Wirtschaftlichkeit in der gesetzlichen Krankenversicherung

Wenner, Ulrich

Der Krankheitsbegriff im Krankenversicherungsrecht ist weit und ist für die Begrenzung von Leistungen unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit weder gedacht noch wird er praktisch dazu genutzt. Begrenzung und Steuerung von Leistungen erfolgen durch explizite Ausschlüsse und implizite Vorgaben, die über die Ärzte den Umfang der erbrachten und veranlassten Leistungen beeinflussen. Im Krankenversicherungssystem darf anders als im Rahmen der privatärztlichen Behandlung nicht jeder Arzt jede Leistung erbringen, Qualität muss belegt werden und das Vergütungssystem wirkt einer Ausweitung von Leistungen entgegen.

Vom Schlag getroffen. Krankheit in der Bibel

Eisele, Wilfried • Groß, Walter

Krankheit gilt in der Bibel vor allem als Folge einer gestörten Gottesbeziehung. Der Kranke hat von Gott einen Schlag versetzt bekommen, der häufig als Strafe für eigenes Fehlverhalten (Sünde) aufgefasst wird. Andere Kräfte können wirken (z. B. böse Geister), allerdings nur, sofern Gott es zulässt. Heilung ist dementsprechend ebenfalls nur von Gott zu erwarten, der allein die Sünde vergeben kann, oder von Menschen, die im Auftrag und mit der Vollmacht Gottes handeln.

Jacob Stegenga, Care and Cure. An Introduction to Philosophy of Medicine, Chicago (University Press) 2018, 288 Seiten.

Katharina Fürholzer, Das Ethos des Pathographen. Literatur- und medizinethische Dimensionen von Krankenbiographien, Heidelberg (Universitäts-Verlag Winter) 2019, 286Seiten.

Andreas Kruse, Vom Leben und Sterben im Alter. Wie wir das Lebensende gestalten können, Stuttgart (W. Kohlhammer Verlag) 2021, 336 Seiten.