(A-)Symmetrien am Lebensanfang und Lebensende

Ausgabe: 4/2022

68. Jahrgang

Jahrgang: 2022

Inhalt: Ausgabe

Zur (A-)Symmetrie der ethischen Herausforderungen am Lebensanfang und am Lebensende

Bormann, Franz-Josef

Ethische Herausforderungen am Lebensanfang und Lebensende weisen sowohl einige Parallelen als auch gravierende Differenzen auf. Symmetrien betreffen vor allem die Prominenz von Autonomie-Argumenten, Perfektionismus-Vorstellungen und die Tendenz, die Verantwortung individueller Akteure zu betonen. Asymmetrien sind gegenüber manchen Lösungsversuchen der Status-Frage zu betonen und bezüglich differenter Aufklärungs- und Beratungsbedarfe sowie Häufigkeiten bestimmter Handlungsformen zu verorten.

Eugenische Traditionslinien am Lebensanfang und Lebensende

Bergmann, Anna

Der Artikel behandelt die Begründungsphase der rassenhygienischen und eugenischen Bewegung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und skizziert die Argumentationsmuster für ein medizinisch herstellbar leidfreies, glückliches Leben durch eine staatlich legitimierte Selektionspolitik. Er beleuchtet den damit einhergehenden eugenischen Mentalitätenwandel, der im Laufe des 20. Jahrhunderts auch unter Prämissen der Selbstbestimmung und Patientenautonomie vollzogen wurde.

Kinder im Krankenhaus - eine besondere Patientengruppe mit besonderen Bedarfen

Peters, Maria

Die Pflege kranker Kinder stellt besondere Anforderungen an die Versorgenden. Spezifische Bedarfe ergeben sich aus der besonderen physischen und mentalen Konstitution von Kindern. Ihr niedriger gesellschaftlicher Status und das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern macht die Arbeit mit Kindern zu einer moralischen Praxis mit spezifischen ethischen Implikationen. Die Pflege von Kindern benötigt also Spezialistentum, das weitgehend im Anschluss an die notwendig gewordene neue pflegerische Grundausbildung, die alle Altersgruppen zusammenfasst, erworben wird.

Ethische Herausforderungen in der pädiatrischen Palliativversorgung

Janßen, Gisela • Trocan, Laura • Schmitz, Lioba • Classen, Carl Friedrich

Im Mittelpunkt der pädiatrischen Palliativversorgung stehen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit lebenslimitierenden Erkrankungen sowie deren Familien. Ziel ist eine höchstmögliche Lebensqualität, erreicht durch eine angemessene multiprofessionelle und interdisziplinäre Begleitung. In der Versorgung stehen sowohl planbare als auch plötzlich notwendige Therapieentscheidungen an. Dabei gilt, das Wohl und den Willen der Kinder und Jugendlichen zu beachten. Grundlage der ethischen Entscheidungsfindung ist eine offene, sensible Kommunikation zwischen Patient, Eltern und medizinischem Personal.

Würdige Begleitung von Elternwerden und Lebensbeginn speziell in Krisensituationen

Simmer, Gudrun

Der Lebensbeginn und die Entwicklung von Elternschaft stellen eine vielschichtige Schwellenzeit im Leben dar, welche von gesellschaftspolitischen Normierungsversuchen stark herausgefordert werden. Gerade wenn bei Kindern vorgeburtlich (pränatal) eine Beeinträchtigung oder Erkrankung, oder sogar der plötzliche Tod im Mutterleib festgestellt wird, erleben Eltern tiefgreifende Krisen. Wertschätzende, umfassende und multiprofessionelle Schwangerschaftsbegleitung ermächtigt betroffene Frauen und Männer dazu, ihre Elternverantwortung zu übernehmen und den persönlichen Weg mit ihrem Kind zu gestalten.

Beratung im Kontext der gesundheitlichen Versorgungsplanung (ACP) - die Notwendigkeit einer systemischen Perspektive

Schroeder, Ariane

Die Erwartungen an die moderne Medizin sind hoch. Entsprechend vielfältig und verlockend erscheinen ihre Angebote. Mit zunehmendem Lebensalter wird die Frage drängender: Soll wirklich alles getan werden, um das Leben möglichst lange zu erhalten? Die von den gesetzlichen Krankenkassen refinanzierte gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase bietet Leistungsempfängern ein maßgeschneidertes Beratungsangebot. Um den individuellen Bedarfen ganzheitlich gerecht zu werden und damit einer Verengung auf medizinisch-rechtliche Aspekte Vorschub zu leisten, ist ein systemischer Ansatz von Beratung unerlässlich.

Interkulturelle Begegnungen am Lebensende: Alternative Perspektiven in Begleitprozessen der Palliativversorgung

Bottenberg, Jan • Kohlen, Helen

Grenzenlose Selbstmanipulation? Eine theologisch-ethische Analyse von Keimbahneingriffen mittels Genome editing

Merkl, Alexander

Bereits vor Jahrzehnten sprach Karl Rahner mit Blick auf die Gentechnik prophetisch von der "zukünftigen Großselbstmanipulation des Menschen". Eine Verständigung über die wissenschaftlichen, ethischen, (global-)gesellschaftlichen und rechtlichen Herausforderungen sowie damit über einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen molekularbiologischen Instrumentarien scheint heute angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen dringlicher denn je. Auf der Basis sachanalytischer Klärungen und in Auseinandersetzung mit ausgewählten Argumenten will der Beitrag die kontrovers debattierten Potentiale der Genomeditierung in ihren vielfältigen Möglichkeitsrichtungen, allen voran der Keimbahnintervention, einer normativen theologisch-ethischen Bewertung unterziehen.

Die Auswirkungen der Streichung des § 16 S. 3 MBO auf das BVerfG Urteil über § 217 StGB

Sun, Johannes Hsiao-chih

Der im Mai 2021 stattgefundene 124. Deutsche Ärztetag hat die Streichung von § 16 S. 3 MBO beschlossen. Er begründete die Streichung mit der Verfassungswidrigkeit des Satzes. Dieser Artikel wird zeigen, dass § 16 S. 3 MBO aufgrund der Verletzung des Grundsatzes des Rechtsvorbehalts formal verfassungswidrig sein dürfte, obwohl die vom Ärztetag angeführten Gründe zur Rechtfertigung seines Beschlusses nicht ausreichen. Die Streichung von § 16 S. 3 MBO könnte wohl in naher Zukunft alle Bundesländer veranlassen, das Verbot der ärztlich assistierten Selbsttötung aus der jeweiligen Berufsordnung zu streichen. Wenn dies geschieht, wird das Kernargument des BVerfG-Urteils gegen die Verfassungsmäßigkeit des § 217 StGB unhaltbar. Infolgedessen ist dessen verfassungskonforme Auslegung nicht auszuschließen und der Gesetzgeber braucht dann m. E. kein neues Schutzkonzept hinsichtlich des § 217 StGB zu entwickeln.

John Hyde Evans, The Human Gene Editing Debate, New York (Oxford University Press) 2020, 200 Seiten.

Halsband, Aurélie

Ralf Stoecker, Theorie und Praxis der Menschenwürde, Münster (mentis Verlag) 2019, 343 Seiten.

Horn, Christoph

Marco Bonacker/Gunter Geiger (Hg.), Pflege in Zeiten der Pandemie – Wie sich Pflege durch Corona verändert hat, Opladen u. a. (Verlag Barbara Budrich) 2021, 186 Seiten.

Riedel, Annette