Perspektiven medizin-ethischen Entscheidens

Ausgabe: 1/2000

46. Jahrgang

Konsens ohne Begründung? Philosophische Bemerkungen zu bioethischen Verboten (Europarat, UNESCO, Bundesrepublik Deutschland)

Türk, Hans Joachim

Wer sich nicht als reinen Rechtspositivisten versteht, kann mit den derzeit bestehenden bioethischen Verboten nicht zufrieden sein, weil die darin zitierten Grundwerte weder definiert noch begründet sind. Handelt es sich dabei nicht bloß um in westlichen Industriegesellschaften faktisch geltende Wertvorstellungen, die aber diachronisch und synchronisch der Veränderung unterliegen können? Wenn Menschenrechte in der Wahrung individueller Freiheit bestehen und diese mit rein rationaler Vernunft exekutiert wird, dann lassen sich Regelungen, wie sie z. B. im deutschen Embryonenschutzgesetz stehen, nicht zwingend begründen. Die größte Chance eines Konsenses bieten anscheinend gemeinsame Erfahrungen, die intuitiv als unmenschlich gewertet werden. Realistisch erscheint daher die Vorhersage, dass rechtliche, politische und ethische Normen der Bioethik erst dann überhaupt erst konsensuell konstitutiert werden, wenn eine Gesellschaft auf diesem Feld schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Tags: Konsens Menschenwürde starker bzw. schwacher Naturbegriff Ungewissheit

To anyone who is not a positivist with respect to the law existing bioethical regulations must appear unsatisfactory; for the basic values cited to ground them are neither well defined nor adequately justified. Are they not merely the ones currently held by a majority of people in the Western industrialised nations? Might they not be subject to change either over time or in other cultural contexts? If human rights serve only to preserve people’s rationally exercised individual freedom then restrictions like those of the German Embryo Protection Act cannot be adequately justified. The best chance for a consensus seems to result from the common experience of events intuitively judged as inhuman. It appears therefore realistic to predict that legal, political and moral norms with respect to the life sciences are only consensually constituted if a society has had a bad experience in that field.

Tags: consensus dignity of man absence of knowledge strong resp. weak concept of nature

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