Ethik in der Pädiatrie

Ausgabe: 2/2005

51. Jahrgang

Menschenwürde und Bioethik - Neuere Diskussionen und Klärungsversuche

Buch, Alois Joh.

Weniger die vergleichsweise geringe argumentative Bedeutung von Menschenwürde in angelsächsischen bioethischen Diskursen, eher schon ihre Inanspruchnahme zur Begründung unterschiedlicher oder gar gegensätzlicher Optionen in vielerlei medizin- und bioethischen Debatten (z. B. jeweils pro und contra Pränataldiagnostik, verbrauchende Embryonenforschung, Sterbehilfe), vor allem aber Zweifel an der ethischen Tragfähigkeit entsprechender Argumentationen haben die ›Menschenwürde‹ erneut zum Gegenstand grundsätzlicher Erörterung und insbesondere ethischer Klärungsversuche werden lassen. Hierzu fügen sich einige neuere hier vorzustellende Publikationen, ausnahmslos mit Beiträgen mehrerer Autoren, worin stets, wenn auch jeweils in unterschiedlicher Weise und Intensität, prinzipiell-theoretisches Bedenken von Begriff und Bedeutung der ›Menschenwürde‹ einerseits und eben davon mit-betroffene ›anwendungs‹-orientierte Prüfung ihres argumentativen Gewichts zur Erörterung spezifischer bioethischer Probleme andererseits verknüpft werden: Ralf Stoecker (Hrsg.), Menschenwürde. Annäherung an einen Begriff, Wien (öbv & hpt Verlagsgesellschaft) 2003, (Schriftenreihe der Wittgenstein-Gesellschaft; Bd. 32), 232 Seiten. Peter Dabrock/Lars Klinnert/Stefanie Schardien, Menschenwürde und Lebensschutz. Herausforderungen theologischer Bioethik, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2004, 368 Seiten. Volker Schumpelick (Hrsg.), Klinische Sterbehilfe und Menschenwürde. Ein deutsch-niederländischer Dialog. Akten des Symposiums vom 5.–8. Oktober 2002 in Cadenabbia, herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., Freiburg i. Br. u. a. (Herder) 2003, 464 Seiten. "Der Begriff der Menschenwürde ist in den letzten beiden Jahrzehnten in der philosophischen Welt gewissermaßen in Verruf geraten." Wenn auch nicht jeweils derart pointiert, so doch im Sinne eines phänomenologischen Befundes kann diese Feststellung (P. Schaber, 119) das gemeinsame Problem der Autoren des zuerst genannten Bandes beschreiben, wobei Verständnis wie Interpretation Interpretation offenbar vielgestaltige Zugänge erlauben. Da Hrsg. zufolge hieran ein besonderes Interesse angewandter (weniger theoretischer) Ethik auszumachen sei, gehen die hier vorgelegten, aus dem 25. Internationalen Wittgenstein-Symposium (2002) hervorgegangenen Beiträge vornehmlich der Frage nach, was der Begriff der Menschenwürde besagen und inwieweit er als speziell in bioethischem Kontext ›bedeutend‹ gerechtfertigt werden kann. Eben weil der Ausdruck ›Menschenwürde‹ "sehr vage, vieldeutig und unklar" sei, versucht P. Baumann deren Bedeutung zu erhellen, die sich (im Unterschied zu weniger tief reichender, auf jeweiliges Verhalten bezogener ›Würde simpliciter‹) bereits aus ihrer nachhaltigen Verletzbarkeit durch andere erweise, zugleich zeige der Bezug zu bleibenden »Rechten und Ansprüchen einer Person«, dass ihr "Begriff […] normativer Natur ist". Die weiter greifende Frage, worauf sich Menschenwürde gründet, verdeutlicht den eingangs erwähnten prinzipiellen Klärungsbedarf. Ihm wird hier im Hinblick auf den in unterschiedlichen (als »grob« ›metaphysisch‹ bzw. ›moralisch‹ bezeichneten, Formen vorfindlichen Begründungskontext von ›Personhaftigkeit‹ bzw. ›Rechten‹ und Menschenwürde nachgegangen mit dem Fazit vor allem pragmatischer Untauglichkeit solcher Begründungsversuche. Als einzig tragfähig wird ihr die sog. ›Bedürfnis-Konzeption‹ entgegengesetzt, wiederum im Kern pragmatisch: Würde verstanden als gegenseitig – und insoweit an die Fähigkeit sozialer Interaktion gebundener und also etwa für Koma-Patienten, Neugeborene etc. problematischer – ›geschuldeter Respekt‹, begründet "einfach darin, dass wir ihn brauchen und dass es […] eine Verpflichtung gibt, jemandem das nicht vorzuenthalten, was er dringend benötigt."

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