Ethik in der Pädiatrie

Ausgabe: 2/2005

51. Jahrgang

Tote neugeborene Kinder. Plädoyer für eine menschenwürdige Bestattung und einen angemessenen Beistand in der Trauer

Baumgartner, Konrad

Geschichtliche Kontexte – ein literarisches Beispiel Der Bauernroman »Andreas Vöst« von Ludwig Thoma beginnt mit erschütternden Szenen. Das neugeborene Kind des Schullerbauern Andreas Vöst war in den herbstlichen Tagen des Jahres kurz nach der Geburt unter den Händen der Hebamme gestorben. Weil diese nicht die Geistesgegenwart hatte, gleich die Nottaufe zu vollziehen, die Mutter aber noch ohne Bewusstsein war und sonst niemand anwesend, kam es, "dass die kleine Vöst nicht in den Schoss der heiligen Kirche gelangte und als Heidin nach einem viertelstündigen Leben verstarb«. Bitter schreibt Thoma: "Ich weiß nicht, ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins so hart beurteilt wie seine Geistlichen, aber das eine ist gewiss, dass es nicht in geweihter Erde ruhen darf, worein nur Christen liegen; darunter manche sonderbare." Alles Bemühen des Vaters, den Pfarrer, mit dem er noch dazu verfeindet ist, mit einer Geldspende zu einem kirchlichen Begräbnis zu bewegen, ist vergeblich. Das Heidenkind wurde neben dem Friedhof, "in einem verwahrlosten, kleinen Grasfleck […] in ungeweihter Erde, in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt, […] in aller Frühe begraben. Keine Glocke läutete, und kein Priester sprach ein Gebet. Die Hebamme trug den kleinen Sarg, […] der Totengräber legte den Sarg ohne viele Umstände in die Grube und warf Erde und Gras darauf." Ein Grabkreuz durfte darüber nicht errichtet werden. – Dann kam das Fest Allerseelen mit der Gräbersegnung im Friedhof durch den Pfarrer und den Kooperator. Beim Rundgang durch den Friedhof bemerken sie: »In dem grünen Rasen, unter welchem das Heidenkind verscharrt war, steckte ein roh gezimmertes Kreuz, und daran hing ein kleiner Kranz […]." Die Bäuerin hatte das Kreuz hingetan. "Sie dachte in ihrer Einfalt nicht, dass sie damit den lieben Gott beleidigte. […] Auch der Pfarrer ergrimmte […]. Er und der Kooperator liefen um die Friedhofmauer herum und traten auf das Grab des Heidenkindes. Der Pfarrer fasste das Kreuz und riss es heraus, dann zerbrach er es über dem Knie und warf die Stücke weg […]." Die Mutter heulte und der Vater sprach bitter davon, dass man ein ungetauftes totes Kind eingegraben habe "wie einen Hund"; der Pfarrer aber verteidigte sich: "Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion."

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