Schweigepflicht und Patientenrechte

Ausgabe: 3/2005
(nur Online verfügbar)

51. Jahrgang

Imperfekte Autonomie und die Grenzen des Instruments Patientenverfügung

Sahm, Stephan

Die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen soll auf dem Wege der Gesetzgebung gestärkt werden. Als Begründung dafür wird angeführt, nur auf diesem Wege sei die Autonomie der Patienten am Lebensende zu sichern. Gegen diese weit verbreitete Anschauung bestehen gravierende Einwände. Sie betreffen das zugrunde liegende Verständnis von Autonomie und die Grenzen der Fähigkeit zur antizipierenden Entscheidung über Leben und Tod. Letztere sind eng verknüpft mit empirisch nachweisbaren Barrieren, die einer Verbreitung von Patientenverfügungen hinderlich sind. Autonomie am Lebensende erweist sich theoretisch und empirisch als imperfekt. Das zeigt die Analyse ihres Verhältnisses zum Begriff der medizinischen Indikation und des dialogischen Charakters der Entscheidungsfindung über den Einsatz lebenserhaltender Behandlungen. Die Akzeptanz von Patientenverfügungen in der Bevölkerung ist gering, wie empirische Untersuchungen belegen. Die Bedeutung dieses Befundes für die Normierung ihrer Verbindlichkeit wird unterschätzt, denn er verweist auf Grenzen der Fähigkeit von Personen, lebenswendende Entscheidungssituationen zu antizipieren. Autonomie am Lebensende ist heteronom, sie kann nur durch fürsorgende Stellvertretung erhalten werden, wie sie von einer Mehrheit – wie in Untersuchungen gezeigt – gewünscht wird. Statt der Betonung der Notwendigkeit, eine Patientenverfügung zu verfassen, ist eine vorausschauende Planung der Versorgung für das Lebensende zu bevorzugen. Die Verbreitung von Strategien wie des advanced care planning ist als Alternative der gesetzlichen Verankerung des Instrumentes Patientenverfügung vorzuziehen.

Tags: Patientenverfügung Vorsorgeplanung Lebensende

Tags: advance directives advanced care planning end

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