Neurowissenschaften und Ethik

Ausgabe: 1/2006

52. Jahrgang

Felix Thiele (Hrsg.), Aktive und passive Sterbehilfe. Medizinische, rechtswissenschaftliche und philosophische Aspekte, München (Wilhelm Fink) 2005 (Neuzeit und Gegenwart), 285 Seiten.

Höver, Gerhard

Das von Felix Thiele herausgegebene Buch besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen. Der erste Teil gibt ein Fachgespräch zur Sterbehilfe wieder, das vom 10.–11. Dezember 2001 an der Europäischen Akademie Bad Neuenahr-Ahrweiler stattfand und rechtswissenschaftliche, philosophische und Praxis-Aspekte der Problematik behandelte. Im Zentrum des zweiten Teils steht neben den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung (Mai 2004) der Bericht der Bioethik-Kommission des Landes Rheinland-Pfalz vom 23. April 2004: "Ethische, rechtliche und medizinische Bewertung des Spannungsverhältnisses zwischen ärztlicher Lebenserhaltungspflicht und Selbstbestimmung des Patienten". Es ist, wie der Herausgeber zu Recht betont, "das erste Gutachten einer auf politischen Auftrag arbeitenden Kommission in Deutschland […], das sich für eine Liberalisierung der Sterbehilfe-Regelungen in Deutschland ausspricht". Der Bericht der Bioethik-Kommission enthält 29 Thesen zu den Bereichen "Selbstbestimmung am Lebensende", "Patientinnen oder Patienten mit aussichtsloser Prognose im Endstadium ihrer Erkrankung", "Patientinnen oder Patienten mit aussichtsloser Prognose, die sich noch nicht im Endstadium ihrer Erkrankung befinden", "Problematik der Selbsttötung", "Rechte und Pflichten der Ärztinnen und Ärzte, des Pflegepersonals und der Träger von Einrichtungen", außerdem noch 5 Empfehlungen z. B. zur nachhaltigen Unterstützung der häuslichen Pflege, der Intensivierung der Schmerzforschung oder bzgl. des Rechts der Sterbenden auf religiösen Beistand ihrer Wahl, aber auch zur Suspendierung der ärztlichen Garanten- und Hilfeleistungspflicht, "wenn ein Suizidversuch nach ernsthafter Überlegung und aufgrund freier Willensbestimmung zur Beendigung schweren unheilbaren Leidens begangen worden ist". Der Bericht stellt insgesamt durchaus eine klar strukturierte, aufeinander aufgebaute Thesenfolge dar, welche ein ernsthaftes Ringen um die Problematik des menschenwürdigen Sterbens erkennen lässt. Viele Teile finden ohne weiteres Zustimmung, wenn es z. B. in These 13 zur indirekten Sterbehilfe u. a. heißt: "Eine wirksame Schmerzbehandlung vorzuenthalten, verstößt gegen die ärztliche Sorgfaltspflicht und kann eine strafrechtlich relevante Körperverletzung sein". Von daher verdient der Bericht eine ausführliche Diskussion, wie sie im Einzelnen noch zu leisten ist.

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