Plastische und ästhetische Chirurgie

Ausgabe: 2/2006

52. Jahrgang

Ästhetik und Schönheit. Historische und aktuelle Aspekte des Schönheitswahns

Bergdolt, Klaus

Viele Philosophen und Ärzte favorisierten das Konzept der Kalokagathia, wonach äußere Schönheit körperliche Gesundheit, aber auch einen guten Charakter, ja moralische Überlegenheit verrät. Im Mittelalter und in der Renaissance wurden ähnliche kanonartige Schönheitsideale entwickelt, wobei man erneut auf antike Autoritäten wie Polyklet zurückgriff, auf den sich selbst Galen berufen hatte. Die wechselnden ästhetischen Normen beeinflussten allerdings nur die Oberschicht, etwa Adlige oder das seit Beginn der Frühen Neuzeit erstarkende Bürgertum. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Schönheitswahn zum Massenphänomen, das durch die neuen Medien steuerbar wurde. Die seit dem Zweiten Weltkrieg prosperierende kosmetische Industrie sowie eine boomende Plastische Chirurgie suggerieren, jedermann, vor allem aber jüngere Frauen, sei nach den Regeln der vorherrschenden Schönheitsmode perfektionierbar. Dank einer raffinierten Werbung erreicht der illusorische Schönheitswahn zunehmend ein labiles, jugendliches Zielpublikum, das äußere Attraktivität mit sozialem Erfolg, Reichtum und sozialem Aufstieg verbindet. Häufig nimmt die Bemühung um Gesundheit sogar den Status einer Ersatzreligion ein, die Freizeit dient ausschließlich dem Kampf um Schönheit und Fitness. Die Medienindustrie suggeriert, dass ein gefälliges Äußeres die Vorbedingung allen Glücks und Heils darstellt. Ethisch bedenklich erscheint auch, dass hinter der Verführung, die nicht selten mit dem »Leidensdruck« von weniger schönen Menschen begründet wird, wirtschaftliche Überlegungen stehen und die wirklichen Motive der Betroffenen, etwa schwere Neurosen, Partnerkonflikte und schwere Störungen des Selbstwertgefühls weitgehend außer Acht gelassen werden.

Tags: Schönheitskanon Ersatzreligion Werbung Kommerzialisierung

Tags: beauty canon pseudo-religion advertising commercialization

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