Ethik in der Psychiatrie – Probleme und Perspektiven

Ausgabe: 3/2008

54. Jahrgang

Wie faktisch wollen wir die Fakten? Zu den Herausforderungen an eine verantwortungsvolle empirische Ethik

Strech, Daniel

Die bestehende Diskussion zum Selbstverständnis einer empirischen Medizinethik fokussiert bislang vorrangig die Frage, ob überhaupt und wenn ja mit welchem erkenntnistheoretischen Anspruch empirische Informationen im Arbeitsbereich der Ethik eine Rolle spielen können und sollen. Neben den häufigen Empfehlungen zur kontextspezifischen Berücksichtigung der Ergebnisse empirischer Studien, bedarf es jedoch ebenfalls einer kritischen Reflexion der hiermit verbundenen praktischen Herausforderungen an eine empirische Ethik. Im Umgang mit empirischen Informationen besteht stets die Möglichkeit von Fehlinterpretationen oder Verzerrungen aufgrund der methodischen Problembereiche im Studiendesign. Die häufig komplexen Testkonstrukte in der empirischen Ethik wie die ›Entscheidungskompetenz von Patienten‹ oder ›Lebensqualität‹ verstärken diese Problematik weiter. Die notwendigen normativen Setzungen im Prozess der Studiendurchführung, der Ergebnis-Interpretation und -Kommunikation werden in diesem Zusammenhang bislang nicht ausreichend kritisch reflektiert. Um vor einem falschen und schädlichen Gebrauch empirischer Daten in der Ethik zu schützen, bedarf es der Transparenz zu diesen Aspekten impliziter Normativität in der empirischen Ethik. Der Artikel zeigt die hiermit verbundenen zentralen Problembereiche auf und bestimmt die Bedingungen, welche einen verantwortungsvollen Umgang mit empirischen Informationen in der Medizinethik erst ermöglichen. Weiterhin erläutert und begründet der Artikel, dass die Realisierung und Diskussion dieser Bedingungen gegenwärtig noch deutlich unterentwickelt ist und dringend einer intensiveren Beschäftigung im Rahmen der Medizinethik bedarf.

Tags: Interview Forschung Systematische Fehler Naturalistischer Fehlschluss

Within the current debate about the concept of empirical medial ethics most contributions deal with epistemological issues such as the role and meaning of empirical information in the field of applied ethics. Despite an increase in the publication of empirical data in medical ethics literature we still lack critical reflection and a framework that help to understand the methodological and practical challenges of empirical studies in medical ethics. In presenting and appraising empirical data we always face the possibility of bias and misleading interpretation of data due to methodological shortcomings in study design. What is more, the complex paradigms in empirical medical ethics such as ›patient decision making competence‹ or ›quality of life‹ aggravate these problem further. The normativity implicit in the planning and conducting of empirical studies as well as in the interpretation and communication of their findings is rarely discussed in medical ethics literature. To protect against the wrong and misleading use of empirical data in applied ethics we need transparency about implicit normative assumptions and judgements. This paper clarifies the theoretical and practical conditions under which empirical data can be rationally and justifiably integrated into ethical reflection and decision making. In presenting certain examples of the current state of empirical medical ethics, I argue that those conditions do not yet adequately pertain and must therefore be considered further in medical ethics.

Tags: interview research bias naturalistic fallacy

Zum vollständigen Artikel | Artikel bestellen

Zurück