Beziehung in der medizinischen Ethik

Ausgabe: 4/2012

58. Jahrgang

Alleinstellungsmerkmal Nächstenliebe? Zum (Selbst-)Verständnis des Christentums

Splett, Jörg

Eben nicht. Denn 1. geht es im Christentum nicht um irgendwelche Lehren, sondern um die Annahme von Gottes »letztem Wort« (Hebr 1,1) in Jesus Christus. Christen sind Leute, die bekennen: »Jesus Christus ist der Herr«.2 2. liefe derart die Behauptung der Wahrheit des uns anvertrauten Evangeliums auf die menschliche Abwertung der anderen hinaus. Dazu etwa Wolfgang Hildesheimer:3 »Was ich den Christen zum Vorwurf machen wür de, ist, dass sie denken, alle persönliche Moral und alles Ethische komme aus dem Christentum […].« Nein, Nächstenliebe bis hin zur Feindesliebe begegnet in jeder Hochethik, die diesen Namen verdient. Auch wenn sie unterschiedliche Gestalten annimmt. 2. Im übrigen ist es eine typisch neuzeitliche Verkürzung des Verständnisses von Religion, sie auf Ethik zurückzuführen, ja zu »reduzieren« – mit der zusätzlich qualitativen Bedeutung, die hier das lateinische Wort besitzt (nicht bloß herleiten nämlich, sondern verkürzen). Das geschieht heute weithin von Seiten des Staates wie der Gesellschaft, siehe die Parallelisierung von Religions- und Ethikunterricht; und es geschieht auch kirchlicherseits, siehe ein Großteil sonntäglicher Predigt. Auf hohem Niveau hat Kant diese Sicht etabliert, im letzten Jahrhundert dann Emanuel Levinas. Für Kant ist Religion die Deutung des sittlichen Du-sollst (des »ka tegorischen Imperativs«) als Gottesgebot. 4 Gotteslob weist er als »Gunstbewerbung«, »Hof dienste, ja After dienst« ab. Und noch rigoroser – nach der Schoa – fordert Levinas eine Religion für Erwachsene ein. Für viele stellt ja die Bergpredigt die Mitte des Christentums dar – anstatt Leben, Sterben und Auferstehung unseres Herrn. Doch ist dem Christentum wesentlich sein Glaubensbekenntnis. Es ist eine Credo-Religion. Und damit, um auch dieses Reizwort

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