Biomedizin am Lebensanfang

Ausgabe: 2/2003

49. Jahrgang

Wird die molekulare Medizin die Auffassung von Krankheiten in der gegenwärtigen Medizin erneuern?

Mergenthaler, Daniela

Dieser Aufsatz untersucht die theoretischen Grundlagen und Implikationen der molekularen Medizin zum Thema Krankheit. Trotz ihrer immensen praktischen Bedeutung kann die molekulare Medizin keine neue Krankheitstheorie entwickeln, sondern setzt den der Biomedizin inhärenten naturwissenschaftlichen Reduktionismus fort. Auch die Kategorie der genetischen Erkrankung ist problematisch, weil Anlage und Umwelt kontext- und subjektrelative Begriffe sind, und Eigenschaften eines Organismus nicht kausal auf ein Genom rückführbar sind. Wie sich die neuere Genomforschung bereits von einem starren genetischen Präformationsmodell zugunsten eines dynamischen Interaktionsmodells abgewendet hat, so ruft auch dieser Aufsatz zu einer vorsichtigen Verwendung der Kategorie der genetischen Krankheit auf. Genetische Krankheitskategorisierungen erfassen nie den lebensweltlichen Bezug von Krankheiten, welcher fundamental für das ärztliche Handeln im klinischen Alltag ist.

Tags: Krankheitsbegriff molekulare Medizin Reduktionismus

This paper investigates the theoretical framework and implications of molecular medicine with regard to the concept of disease. It argues that molecular medicine operates with the same type of reductionism that is inherent to biomedicine and is unable to provide a new, theoretically consistent concept of disease. As modern genetic research had to replace its belief in genetic preformation by a dynamic, interactive conception of the human organism, this paper encourages a cautious use of the term ‘genetic disease’. Genes do not make an organism. Genetic investigation and classification of diseases never includes aspects of a patient’s lifeworld, which are fundamental for medical practice.

Tags: concept of disease molecular medicine, reductionism

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