Medizin zwischen Heilauftrag und technischer Innovation

Ausgabe: 2/2014

60. Jahrgang

Unscharfe Begriffe, ambivalente Positionen - Der Rationierungsdiskurs im Deutschen Ärzteblatt von 1996 bis 2008

Kufner, Lilith A.;Bauer, Axel W.

Auf der Basis von 279 Veröffentlichungen des Deutschen Ärzteblattes aus den Jahren 1996 bis 2008 wird beschrieben, wie sich der Rationierungsdiskurs innerhalb der Deutschen Ärzteschaft in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Die Bedeutung zentraler Begriffe der Verteilungsdebatte wie Rationalisierung, Rationierung, Priorisierung und medizinische Notwendigkeit variiert im Untersuchungszeitraum je nach Intention und Kontext. So erhält die Auffassung, dass eine relevante Rationierung von Gesundheitsleistungen bereits existiere, mehr und mehr Zuspruch. Vorschläge zu höherer finanzieller Selbstbeteiligung finden überwiegend Zustimmung, denn sie werden offenbar nicht als rationierende Instrumente angesehen beziehungsweise als solche nicht erkannt. Im­plizite Rationierung wird besonders negativ bewertet, da sie die Ärzte in einen als unerträglich empfundenen Konflikt zwischen ökonomischen Zwängen und individueller Patientenversorgung dränge. Mit zunehmender impliziter Rationierung mehren sich Forderungen nach expliziter Rationierung beziehungsweise nach der – zumindest freundlicher klingenden – Priorisierung. Ethisch fragwürdige Rationierungskriterien wie Lebensalter, Selbstverschulden der Krankheit und gesellschaftliche Position der Patienten werden offiziell zwar abgelehnt, in Kommentaren und Leserbriefen jedoch thematisiert. In anonymen Befragungen wird sowohl deren Einsatz bestätigt als auch ihre Berücksichtigung bei expliziter Rationierung zum Teil befürwortet. Im Hinblick auf normative Fragen lässt sich eine gewisse Doppelbödigkeit zwischen den offiziellen Bekundungen der Standesführung und der von der ärztlichen Basis für richtig gehaltenen, teilweise bereits praktizierten Umsetzung erkennen.

Tags: Priorisierung Deutsche Ärzteschaft

Tags: prioritization German physicians

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