Ethik und Behinderung

Ausgabe: 3/2014

60. Jahrgang

Ethik und Behinderung

Graumann, Sigrid

Vor allem aufgrund des demografischen Wandels werden zur Sicherstellung zukunftsfähiger Pflege zunehmend technische Assistenzsysteme für einen ambulanten Einsatz im heimischen Ambiente entwickelt. Die Komplexität der damit verbundenen Horizonte ethischen Fragens wurde in Deutschland bislang noch nicht im Rahmen einer öffentlichen ethischen Orientierung vorgelegt. Der Beitrag will Bausteine für eine solche Positionierung entwickeln. Anders als in bereits vorliegenden Stellungnahmen (Österreich, Niederlande) soll dafür eine systematische Ethik grundgelegt werden. Deren Konturen werden nach einer Einführung in die Herausforderungen und Möglichkeiten technischer Assistenzsysteme in einer Weiterführung erster systematisch-ethischer Ansätze vorgestellt. Die Relevanz christlicher Ethik wird in der Verschränkung von Institutionen- und Tugendethik gesehen, mit der das christliche Menschenbild Orientierungen in der Komplexität der Fragestellungen bietet.Das Verhältnis von Behinderung und Ethik ist bekanntlich nicht unproblematisch. Wenn Behinderung in ethischen Debatten überhaupt thematisiert wird, dann hauptsächlich in der Medizin- und Bioethik im Kontext von Entscheidungen am Anfang und am Ende des Lebens. Dabei wird ein Leben mit Behinderung oft einseitig mit einer schlechten Lebensqualität in Verbindung gebracht. Das ist der Hauptgrund, warum Aktivisten der Behindertenbewegung Ethikern vorwerfen, ein negatives Bild von Behinderung zu befördern. Die Wurzelns dieses Konflikts liegen in der Ko-Entwicklung der Neugeborenen-Intensivmedizin und der Bioethik und - damit zusammenhängend - der philosophischen Grundsatzdebatte über den moralischen Status von menschlichen Wesen mit eingeschränkten personalen Fähigkeiten. Im vorliegenden Beitrag wird argumentiert, dass die Debatte über den moralischen Status einerseits in der Tat diskriminierende Implikationen hat und andererseits aber die ethischen Probleme der Neugeborenen-Intensivmedizin nicht lösen konnte. Durch den Einfluss der Disability Studies scheint die Offenheit für die Einsicht in die soziale Konstruktion von Behinderung und die kritische Reflexion eines medizinischen, defektorientierten Verständnisses von Behinderung in der Ethik allerdings mittlerweile zu wachsen.

Tags: soziales Modell Neugeborenen-Intensivmedizin Pränataldiagnostik Präimplantationsdiagnostik moralischer Statu

The relation between disability and Ethics is obviously not unproblematic. If disability is addressed at all in ethical debates, this is mainly in medical ethics and bioethics in the context of beginning and end of life decisions, where living a life with a disability is usually identified only with a poor quality of life. This is the main reason why disability activists accuse ethicists of supporting negative views regarding disability. This conflict is rooted in the co-development of neonatal intensive care and bioethics, which brings up general philosophical controversy about the moral status of human beings without or with limited personal capacities. In this contribution it is argued that the debate about the moral status on the one side shows indeed discriminating implications towards persons with disabilities and, on the other side, does not solve the ethical problems of neonatal intensive care.However, due to the influence of Disability Studies, the openness for the insight in the social construction of disability and the critical reflection of medical, deficit-based concepts of disabilities seems to grow within ethics.

Tags: social model neonatal intensive care prenatal genetic diagnosis preimplantation genetic diagnosis moral statu

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